St. Johannis Göttingen

Reformation – ein Prozess

In St. Johannis wurde der Dissens thematisiert, den es vor der Entscheidung für den Reformationstag als gesetzlichen Feiertag in Niedersachsen gegeben hat. Superintendent Friedrich Selter hatte hinischtlich des ersten Reformationstages nach der Entscheidung des Landtages in der Einleitung zum Festgottesdienst formuliert: „Nur indem wir diesen Dissens ernst nehmen, können wir gemeinsam den Reformationstag begehen, dabei versuchen, entstandene Verletzungen zu überwinden, und schauen, wie wir dennoch unsere gute Gemeinschaft weiterhin für ein konstruktives und friedliches Miteinander gestalten können.“

Vertreter der Katholischen Kirche, der Jüdischen Gemeinde und des Runden Tisches der Abrahamsreligionen waren der Einladung zum Festgottesdienst am 31. Oktober 2018 gefolgt und hatten das Wort ergriffen. Auch die Gottesdienstbesucher wurden in die Diskussion einbezogen und hatten ihr Empfinden artikuliert. Dazu nutzten sie vorbereitete Zettel. In ihrer Vielzahl konnten die Beiträge nicht während des Gottesdienstes gewürdigt werden. Deshalb sind diese Statements nachfolgend aufgelistet.

Die Leitfrage lautete:

Was lösen die Widersprüche um den Reformationstag bei Ihnen aus?

  • Der Wunsch einen neuen NAMEN für diesen Feiertag z. B. Glaubenstag. Wäre auch für AtheistInnen möglich.
  • Eigene Zweifel, ich hätte es besser gefunden, den Buß- und Bettag auszuwählen, den alle Religionsgemeinschaften für sich einordnen können.
  • Öffnung des Reformationstages. Offene religiöse Räume (Kirche, Synagoge) für Anhänger aller Religionen.
  • Reden, reden, reden! Und nur, wenn das nicht hilft, empören. Nicht umgekehrt! Also: Reden!
  • Auch heute ist die Reformation Anstoß zur Veränderung, zum Nachdenken, zum Prozess in die Zukunft.
  • Lasst uns Luthers Zorn gegen die Juden, so überzogen er auch sein mag, nicht mit dem Antisemitismus verwechseln, der in den Völkermord geführt hat.
  • Die Stimmen der anderen Religionsgemeinschaften sind fraglos wichtig. Aber warum muss dieser Gottesdienst heute so stark im Zeichen der Trennung stehen, die sich an der Person Luther entzündet? Warum können wir nicht die inhaltlichen theologischen Errungenschaften der Reformation ins Zentrum richten? Warum wird nicht thematisiert, was wir als Religionsgemeinschaften unserer Gesellschaft gemeinsam zu sagen haben!?
  • Der heutige Tag heißt Reformationstag. Nicht Luthertag. Es gab mehr Reformatoren! Lasst uns in Gemeinschaft singen und loben den Herrn!
  • Unsere heutige Gesellschaft ist ohne die Reformation nicht denkbar und der Feiertag ist ein guter Anlass, Luthers Antisemitismus zu thematisieren (z. B. in den Predigten)
  • NACHDENKEN
  • Den Tag nutzen, um weiter intensiv mit allen im Gespräch zu bleiben (wie heute geschehen!)
  • Die Reformation von Luther muss aufrichtig und konsequent fortgeführt werden, besonders jetzt! Die „Delle“ soll wachhalten, damit es weitergeht. Die Reformation soll auch den Antisemitismus überwinden.
  • Den Wunsch nach Dialog, Aufarbeitung, dem Weg nach vorne.
  • Diese Diskussion/Dialog/Konflikt gehört nicht in diesen Gottesdienst. Nicht, und niemals. Das ist Sache der Politik. Warum wird die Reformation in diesem Raum nur auf Luther beschränkt?
  • An diesem Tag allgemein diskutieren, was reformwichtig ist – mit möglichst vielen Partnern.
  • Ich hoffe, dass weitere Reformen folgen!
  • Es ist gut, dass es die Reformation gegeben hat. Wir sind offen für Gespräche.
  • Wenn Reformation nicht nur auf die Kirche bezogen wird, ist ein Reformieren in katholischer Kirche, Politik, Wirtschaft, Schule und in der Gesellschaft dringend nötig. Darum Ja zum Reformationstag.
  • Reformation bedeutet Ökumene und TOLERANZ gegenüber anderen Religionen.
  • GEDENKTAG. KEIN Feiertag, kein Jubiläum. Ein Tag zum Innehalten.
  • Betroffenheit – Wunsch: Offenheit für andere Glaubensgemeinschaften stärken, achtsamer miteinander umgehen. In Göttingen guter Ansatz, weiter intensivieren.
  • Reformatorische Gedanken viel stärker in die Öffentlichkeit tragen.
  • Wir feiern nicht Luther, wir feiern die Reformierung der Kirche. Auf ein besseres Zusammensein.
  • Ich wünsche mir, dass im Reformationsgottesdienst das Evangelium, die frohe Botschaft, laut und deutlich verkündigt wird.
  • Ich bin traurig über die immer noch nicht bestehende Abendmahlsgemeinschaft zwischen katholischen und evangelischen Christen.
  • 1. Fehlen der Diskussion. / 2. Fehlen der Information über die Zeit der Reformation zum Verständnis von Luther.
  • Mit diesem Hintergrund wäre ein religionsfreier Tag besser gewesen.
  • Wir stellen Fronleichnam und Allerheiligen und 15. August auch nicht in Frage.
  • Ohne die Vergangenheit und den Schrecken und das Grauen zu vergessen, kommt es darauf an, die gemeinsamen Werte wie die Nächstenliebe und Bewahrung der Schöpfung zu verteidigen. Es kommt auf Jede und Jeden an!
  • Ärger – jetzt wünsche ich mir noch mehr Dialog mit unseren jüdischen Brüdern und Schwestern.
  • Rückblickend kann ich mich auch als Aktiver nicht an einen inner-landeskirchlichen Diskussionsprozess zur Frage erinnern.
  • Bedauern und Scham
  • Die frühen Schriften Luthers sind nicht antisemitisch.
  • Toll, die offenen Worte heute!!!
  • Verunsicherung, aber auch Anstoß zur Veränderung. Klare Haltung zum Antisemitismus nie wieder in Frage stellen.
  • Nachdenklich, Erschrocken. Reaktion der Jüdischen Religion.
  • Auch wir Protestanten müssen „Flagge zeigen“, wenn wir dem Rückzug der Religion in der Gesellschaft entgegenwirken wollen. – Gegengewicht zur katholischen
  • Ich hätte den Buß- und Bettag besser gefunden, weil der auch von den anderen Religionsgemeinschaften inhaltlich gefüllt werden kann. Außerdem zwei Feiertage im Oktober, auch noch am gleichen Wochentag halte ich aus arbeitstechnischen Gründen für ungünstig. Und die Pause bis Weihnachten ist lang.
  • Betroffenheit, weil es doch zeigt, wie viel Misstrauen wir in der Ökumene haben.
  • Die Wahl des Reformationstages ist auf Grund der Äußerungen Luthers die Juden betreffend mehr als ungünstig. Der Buß- und Bettag hätte eine bewährte Tradition wieder aufgegriffen: immer Mittwoch, beständig, was der Wirtschaft gerecht werden würde.
  • Den Reformationstag als ges. Feiertag einzuführen, ist falsch. Man hätte durchaus einen anderen nehmen können. M. Luther hat dem Judentum mit seinen Äußerungen keinen Gefallen getan.
  • Frau Jürgenliemks Beiträge schmerzen uns, ihre Einwände sind sehr berechtigt, wir wünschen uns einen Feiertag, der von allen Religionsgemeinschaften gemeinsam begangen werden kann, der Gemeinsamkeiten in den Vordergrund stellt, denn Juden, Christen und Muslime glauben an denselben Gott! Und auch mit allen anderen Religionen gibt es gemeinsame Schnittmengen (Weltethos!).
  • Die Hoffnung, dass durch diesen christlichen Feiertag die Möglichkeit zum Dialog geschaffen wird; zwischen allen Religionen, z. B. auch dem Islam.
  • Zu Zeiten der Populisten und zunehmenden antisemitischen Bewegungen hätte ich einen offenen Tag der Kirchen, Synagogen und Glaubenshäuser zur Überwindung von Ängsten, Vorurteilen und Abständen zwischen Menschen aus aller Welt/Religion als der Toleranz, Respekt und Annäherung als sinnvoll erachtet.
  • Deprimierend
  • Ich wünsche mir, dass vor allem die evangelischen Christen den Reformationstag nutzen, über unsere vielfältig differenzierte Gesellschaft nachzudenken und auf die Bedürfnisse der einzelnen Religionsgemeinschaften zu hören.
  • Wir alle müssen uns künftig dafür einsetzen, antisemitischen Tendenzen entgegen zu wirken. Als evangelische Christin wundere ich mich über die Position der katholischen Kirche. Reformationsfeiertag, ein Feiertag für die Aufklärung!
  • Jedes Jahr von Neuem zu schauen, wie das Verhältnis zu den Juden in unserer Gesellschaft aussieht und welche Schritte die Kirchen aufeinander zu gemacht haben.
  • Ich hätte einen Tag der offenen Kirchen bevorzugt. Mir scheint aber der Ansatz, den Reformationstag als Gelegenheit für den Dialog zwischen den Glaubensgemeinschaften und der Gesellschaft zu nutzen, so wie sie es heute tun, eine gute Lösung für die zukünftigen Reformationstage.
  • Luthers Antisemitismus spielt in der heutigen evangelischen Kirche keine bedeutende Rolle. Der Fokus des Reformationstages liegt nicht auf der Person Luthers, sondern auf seinem Beitrag zur Veränderung der Kirchen.
  • Ich sehe keine Widersprüche.
  • Unbehagen und Hoffnung auf gegenseitiges Verstehen und gute Dialoge.
  • Luthers Wirken sollte nicht auf seinen Antisemitismus beschränkt werden.
  • Wir müssen auch die Muslime hereinnehmen.
  • Der Wagen fährt trotz Delle weiter. Er ist nicht verschrottungsreif!
  • Den Wunsch, dass die Religionen immer näher zusammenrücken.
  • Wir Christen müssen zusammenhalten. Reformation ist mehr als Luther. Politik gehört nicht in den Gottesdienst. Wir sollten in Gemeinschaft feiern und singen und alle dazu herzlich einladen. Wo ist die Predigt?
  • Die Reformation hatte große allgemeingesellschaftliche Bedeutung für Europa über die Religion hinaus.
  • Frieden und Versöhnung ist die Chance, den nun geschaffenen Reformationstag gestalten zu können. Danke für den gemeinsamen Gottesdienst.
  • Nachdenklichkeit und Motivation: Sind entschieden antisemitischen Tendenzen entgegen zu stellen.
  • Wir müssen Luther im Bezug auf die antisemitischen Äußerungen kritisch sehen und dies in unserer Schätzung seiner Verdienste sehr kritisch auch äußern. Die Reformation hat eher einen besonderen Bezug zu Gott hervorgebracht.
  • Ich habe keinen Widerspruch.
  • In Zeiten abnehmender christlicher Gemeindemitglieder aller Kirchen begrüße ich einen christlich protestantischen Feiertag.
  • Reformationstag: Ein Anlass, gemeinsam darüber nachzudenken, dass Schuld vergeben ist, und etwas Hoffnung schöpfen und Entschlossenheit, Gottes Barmherzigkeit auszuleben.
  • Gütiger Gott, hilf uns die Reformation nicht als etwas Exotisches, sondern als in allen Religionsgemeinschaften einen fortwährenden und notwendigen Prozess zu begreifen, der dabei hilft, den gemeinsamen Friedensantrag im Geiste der Nächstenliebe sichtbar und immer wieder spürbar zu machen.

Anregungen für weitere Diskussionen sind mithin reichlich gegeben. Nur fortwährendes Hinterfragen und Weiterentwickeln wird dem Gedanken der Reformation gerecht. Reformation ist kein zeitlich begrenztes Ereignis. Kontinuierliche Verbesserung ist beständige Aufgabe.